Der Weg zu meiner Sexualität (zum Bi Visibility Day 2016)

Wer mich kennt weiß, dass ich sehr gerne, oft und ausgiebig darüber rede, wie gay ich bin. Manche mögen mittlerweile sogar leicht davon genervt sein. Allerdings ist das darüber reden können eine recht neue Errungenschaft für mich. Lange genug war meine Anziehung zu Frauen mir selbst ein Rätsel oder später ein Gimmick für Typen, um mit mir gemeinsam über (prominente) Frauen zu schwärmen, was jedoch auf wundersame Weise den Gedanken ausschloss, ich könnte unabhängig von ihnen diese Seite von mir erkunden. Die Tatsache, dass ich männliche Crushes hatte und mit Männern ausging, schien das Thema für mich und andere irgendwie abzuhaken. Ich zeichnete nackte Frauen im Unterricht und bewunderte diverse unterschiedliche weibliche Menschen, während ich meine sexuelle und romantische Energie vollständig auf männliche Menschen projizierte.

Zwischenzeitlich nannte ich mich ab und zu bisexuell, weil ich schon bemerkte, dass ich mehr als nur rein ästhetische Wertschätzung für Frauen hatte, aber ich hatte nicht den Drang, danach zu handeln. Ich datete weiterhin ausschließlich Männer, glaubte sogar daran, dass eine Frau mir nie all das geben könnte, was ich bräuchte. Dennoch folgte ich diversen Twitteraccounts, die ausschließlich sexy Photos von Frauen posteten und flirtete scherzhaft mit Freundinnen.

Vor etwa zwei Jahren fing es dann an, dass ich merkte, dass da irgendwas falsch läuft. Ich bemerkte plötzlich Details, als hätte ich bisher eine Heterobrille getragen und nun abgesetzt. Es war nicht so, dass Frauen „halt einfach schön sind“, sondern ich finde sie schön, weil ich auf sie stehe! Ich habe mir Shakiras Musikvideos früher nicht deshalb in Endlosschleife angeschaut, weil ich ihre Tanzbewegungen lernen wollte, sondern weil ich einen Crush auf sie hatte.

Auf einer Party ergab es sich dann, dass ich mit einer Frau tanzte. Als irgendwann ihr Freund auftauchte, war meine Stimmung schlagartig im Eimer und ich musste tagelang daran denken und mich damit auseinander setzen, dass ich wohl tatsächlich bisexuell sein müsste. Ab da hat es noch einmal beinahe ein Dreivierteljahr gedauert, bis ich einer Frau endlich näher kommen durfte. Es war, als wäre ich aus einem langen Schlaf aufgewacht, als sähe ich die Welt und mich endlich klar. Es hat sich endlich richtig angefühlt. Ab diesem Zeitpunkt habe ich vollständig mein Interesse an Cismännern verloren. All die vergangene Anziehung wurde mit diesem einen Erlebnis in den Schatten gestellt. Dieser Tag stellt einen Wendepunkt in meinem Leben dar.

Ich dachte seitdem oft über passende Label für mich nach. Ich wollte ein Label, und sei es nur für mich persönlich, das das gesamte Spektrum meiner Sexualität abdeckt. Ich fühlte mich mit „bisexuell“, dem Label, das ich einige Jahre locker vor mir hertrug und ein Jahr lang intensiv für mich beanspruchte, nicht mehr wohl. Ich weiß, dass Bisexualität nicht 50/50 sein muss, dass auch 90/10 bisexuell sein kann, aber ich wollte etwas, das meine hauptsächliche Anziehung für Frauen verdeutlicht, aber andere nichtmännliche Gender nicht ausschließt. Momentan mag ich homoflexible ganz gerne, ebenfalls queer. Diese beiden Label lassen Flexibilität zu und nageln mich nicht fest. Manchmal sage ich scherzhaft, ich sei pan, nur halt ohne Männer. Ich fühle mich daher auch mittlerweile mit dem Label ‚lesbisch‘ wohl, weil es so am einfachsten verständlich ist und meine Lebenswirklichkeit am ehesten trifft.

Trotzdem fühle ich mich der Bi-Community noch sehr verbunden. Ich habe oft Hemmungen, zu berichten, dass ich eben nicht schon mein ganzes Leben oder zumindest seit frühester Teenagerzeit wusste, wer ich bin, sondern dass das erst innerhalb der letzten 2 Jahre passierte. Ich fürchte dann, nicht ernstgenommen zu werden, als hätte ich nur eine Phase und würde irgendwann doch wieder bei einem Mann landen. Als sei meine gayness nur vorgeschoben, um mich nicht mit Bifeindlichkeit auseinandersetzen zu müssen. Als würde ich, auch wenn ich mich als lesbisch bezeichne, nicht dazugehören, wenn ich in einem Nebensatz einen Exfreund erwähne. Und davon muss sich unsere gesamte LGBT+-Community dringend lösen. Sexualität ist kein Wettbewerb. Die Anziehung zu einem Gender wird nicht dadurch gemindert, dass parallel dazu noch Anziehung zu anderen Gendern existiert oder in der Vergangenheit existiert hat. Community, get your shit together!

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„Du bist ungesund, wir wollen dich nur darauf hinweisen!“- glaubt ihr das eigentlich selbst?! Über Fat Shaming.

Danke, dass ich dick bin, weiß ich selbst.

Zu diesem Thema gibts schon genügend Posts von beiden Seiten, aber mich juckt es schon seit Monaten in den Fingern, endlich meinen Senf dazu abzugeben.

Ich bin dick. Schon seit ich ein Kind war. Genau festlegen kann ich das nicht, da sowas natürlich nicht über Nacht passiert.
Als Kind  habe mich nie gerne bewegt, habe bei Spaziergängen immer hinterhergetrottet, statt grölend voraus zu rennen und mich auch sonst nicht unbedingt um körperliche Aktivität bemüht, wenn es sich nicht gerade um Fahrrad- oder Cityrollerfahren handelte.
Daher habe ich nie meinen „Babyspeck“ verloren. Ich war als Kind nicht dick, nur eben gepolsterter und speckiger als andere.
(Dies könnte aber auch ein Hinweis darauf sein, dass ich einfach so gebaut bin, worauf ich mich nicht vollständig stützen will, da ich die Kommentare á la „Du redest dich nur raus!“ schon vorhersehen kann.)

Wenn ich mir Photos von früher anschaue, sehe ich ein normalgewichtiges Mädchen. Mein damaliges Selbstbild war aber ein anderes, denn ich wurde seit der 3./4. Klasse  unter Anderem für mein Gewicht gemobbt. Unvergessen war die spöttische Frage einer Mitschülerin, warum ich denn „immer nur diese eine Hose“ trüge. Sie gab sich selbst die Antwort dazu: „Ach ja, dir passen ja keine anderen Hosen!“.
Ich war 8, sie 9.
Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht über meine Figur nachgedacht. Das sollte eins auch nicht tun in diesem Alter, selbst bei Übergewicht sollte eins meiner Meinung nach nur gezeigt bekommen, was „gesund“ und „ungesund“ auf dem Teller ist und nicht „Du bist zu dick, mit dir ist etwas falsch“. Was das anrichtet, sehe ich selbst mit 21 noch.

Kurz drauf muss es gewesen sein, dass ich eine Freude am Kochen entwickelte und mir regelmäßig am Wochenende um 6 Uhr morgens Würstchen und Spiegeleier briet und das ganze mit einer Menge an Käse übergoss. Und mein gesamtes Taschengeld in Süßigkeiten steckte.
Ich kann nicht genau sagen, wann ich wie viel zugenommen habe, allerdings trug ich mit 9 Kleidung, die für 2-3 Jahre ältere Kinder gelabelt wurde (wer denkt sich eigentlich Altersangaben auf Kleidung aus?!)

Dann ging es richtig ab. Ich wurde ziemlich übel gemobbt, die 6. Klasse war der Höhepunkt und rückblickend nur eine einzige graue undurchsichtige Masse an Scheiße, die ich noch nicht aufdröseln konnte in ihrer Vollständigkeit. Mein 11. Geburtstag fällt in diesen Zeitraum und er ist der einzige meiner bisher 21 Geburtstage, an den ich keinerlei Erinnerung habe bis auf den 1.
Mitschüler liefen wankend, mit ihren Händen angedeutenden Bäuchen vor mir auf und ab, sangen beleidigende Lieder, nannten mich alle üblichen Beleidigungen im Bereich fat shaming und terrorisierten meine beiden Freundinnen einzig und allein dafür, dass sie mit mir befreundet waren. Ich habe mit beiden keinen Kontakt mehr, aber ich bin ihnen so wahnsinnig dankbar, dass sie sich damals in diesem jungen Alter nicht gegen mich gestellt haben, um es leichter zu haben, sondern mit mir gegen die Mobber kämpften! (<3)
Ich weiß nicht mehr, wie ich diese Jahre ausgehalten habe, ohne komplett den Verstand zu verlieren und mich noch halbwegs auf die Schule konzentrieren konnte.
Jeden Tag 5 Stunden beschimpft zu werden würde ich heute jedenfalls nicht ertragen.

In dieser Zeit habe ich erst richtig zugenommen.
Aus dem einfachen wie blöden Grund, dass ich mir dachte „ich bin eh schon fett und hässlich, da macht das doch nichts“ und um mich natürlich zu trösten durch leckeres Essen, was eine ganz eigene gefährliche Dynamik hat.
Erst mit 13/14 war ich erst wirklich als übergewichtig zu bezeichnen, einer Zeit, in dem das größte Mobbing bereits vorüber war und nur einzelne Mitschüler blöde Sprüche brachten und dafür von der Klasse nicht beklatscht sondern kritisiert wurden.
Trotzdem merkte ich überall, dass man mit Übergewicht beäugt und anders behandelt wird.
Ich war mit 13 einige Monate im Fitnessstudio angemeldet, um abzunehmen. Da man U16 nicht alleine an die Geräte durfte, war ich in einer Gruppe mit Gleichaltrigen, die von einem Trainer geleitet wurde. Dieser machte ständig süffisante Bemerkungen mir gegenüber. Warum ich denn so hecheln würde. Warum ich denn so rot im Gesicht sei. Ob ich denn ein Problem hätte. Es entstand eine ganz unangenehme Situation, in der die anderen Kinder/Teenies mit ihm auf einer Seite und ich, die einzige Dicke, auf der anderen stand. Fanden alle sehr witzig. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich nicht lange dort blieb und seitdem auch wenig Lust habe, noch einmal in ein Studio zu gehen.

Ich habe dann mit 16 fast 20kg abgenommen durch Zauberhand, jedenfalls habe ich nicht anders gegessen als bisher und war dazu zu dem Zeitpunkt schon ausgewachsen.
Plötzlich kam ich mit viel mehr Leuten klar, obwohl ich genauso awkward und eigenbrötlerisch war wie mein ganzes Leben schon. Aber es ging mir besser, weil ich akzeptiert wurde.
Ich konnte lange Zeit kein Selbstbewusstsein aus mir selbst erschaffen, da mir dieses jahrelang genommen wurde und durch Selbsthass ersetzt wurde und auch heute, Jahre danach, habe ich immer noch damit zu kämpfen, nicht auf Anerkennung Anderer angewiesen zu sein, sondern von innen heraus zu wissen, was ich kann und dass ich es wert bin, gut behandelt zu werden, auch von mir selbst.
Das heißt auch, dass ich es mir wert bin, gesünder zu essen, weil mein Körper, ob dick oder dünn, der einzige ist, den ich habe und der verdient es, mit guten Nährstoffen versorgt zu werden. Mein Körper ist keine Müllhalde, auf die ich alles werfen kann, weil es doch sowieso egal ist.

Worauf ich hinaus will: niemand nimmt ab, nur weil eins ihn*/sie* oft genug als fettes Schwein beschimpft hat, im Gegenteil. Wer ständig zu hören bekommt, er* sei fett, hässlich und solle sich am besten komplett in schwarz hüllen, wenn eins sich überhaupt auf die Straße traut, wird nicht unbedingt motiviert sein, Gewicht zu verlieren, sondern sich eventuell wie ich damals denken „ist doch eh egal, kann ich auch noch mehr essen“. Abgesehen davon, dass Mobbing zu psychischen Erkrankungen führen kann und dann hat eins erstmal wichtigere Probleme als Fettpolster.
Generell gibt es so viel Wichtigeres als Hüftspeck. Ja, starkes Übergewicht ist ungesund. Aber vielleicht hat die Person, die du gerade beschimpfst, bereits 50kg abgenommen und fühlt sich wohl? Vielleicht hat sie eine geliebte Person verloren und trauert? Vielleicht hat sie letzte Woche ein Kind entbunden? Vielleicht hat sie tatsächlich eine Erkrankung, die ihr Gewicht beeinflusst? Oder vielleicht  ist die Person verdammt glücklich gerade, weil sie befördert wurde, frisch verheiratet ist oder generell einfach zufrieden mit ihrem Leben ist?
Das alles sind Dinge, die wichtiger sind als das, was die Waage sagt. Und das alles weiß eins nicht durch die äußerliche Betrachtung von Menschen.

Ich habe jahrelang auch im Sommer lange Hosen getragen, weil ich nicht wollte, dass jemand meine Waden sieht. Indem ich jetzt kurze Röcke trage, will ich nicht das ästhetische Empfinden verletzen von jemandem, der auf dünne Frauen* steht. Ich beschimpfe schließlich auch keinen dünnen Mann* als Klappergerüst, nur weil ich einen Bauchansatz lieber mag. Oder beleidige Männer* mit Basecaps auf dem Kopf, nur weil ich diese furchtbar hässlich finde. Niemand läuft draußen herum, nur um anderen ein netter Anblick zu sein.
Indem ich mich in meinem Körper, so wie er ist, wohlfühle, propagiere ich keinen ungesunden Lebensstil. Ich ernähre mich im Übrigen recht gesund, was mir nur keiner glauben wird, der nur meinen Körper sieht.
Ungesund ist an mir mein Alkoholkonsum und dass ich Sport verabscheue. Das machen aber genügend Dünne und Normalgewichtige ebenso und werden nicht als „ungesund“ verteufelt und öffentlich angefeindet.
Es geht bei Anfeindungen nicht darum, meine Gesundheit anzuprangern oder mich zu einem gesünderen Lebensstil zu bewegen. Ich könnte einen riesigen grünen Smoothie trinken und jemand würde mir „Fette Kuh, immer am Essen!“ zurufen, während neben mir ein normalgewichtiger Mensch rauchend einen Big Mac verzehrt und dazu Bier trinkt.

Übergewichtige werden nicht beleidigt und diskriminiert, weil die Personen sie zum Abnehmen motivieren wollen. Sie werden beleidigt, weil sie „anders“ sind als die Mobber. Egal ob Gewicht, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Kleidungsstil, Form der Nase..alles, was auffällt und anders ist, wird als Anlass genommen, Leute auszugrenzen, um sich selbst in der eigenen Identität zu stärken und weil Menschen sehr schwer Andersartigkeit ertragen können. Nur, weil man an seinem Gewicht etwas ändern KANN, heißt das nicht, dass Mobbing deshalb gerechtfertigt ist, um zur Veränderung anzuregen.
Es geht einzig und allein um ästhethisches Empfinden und Vorurteile gegenüber Übergewichtigen.
Ich bin nicht naiv, dumm, fresse nur Fast Food und ich muss auch verfickt nochmal nicht dankbar dafür sein, wenn mir jemand ein Kompliment macht, „obwohl ich dick bin“! Ich erweise mich auch nicht als besonders dankbar, wenn sich jemand dazu herablässt, mit mir ins Bett gehen zu wollen, „obwohl ich dick bin“. Ich bin nicht leichter zu haben, „weil ich dick bin“. Sowas ist übrigens nicht nur slut shaming und beleidigt mich, sondern gleich alle mit, die wirklich auf mich stehen und stellt sie unter den Verdacht, verzweifelt und daher unkritisch zu sein, wenn sie sich mit mir „zufriedengeben“, „obwohl ich dick bin“!

Ich widerspreche mir auch nicht, wenn ich sage, dass ich gerne abnehmen möchte. Nur, weil ich nicht mehr hasse, was ich im Spiegel sehe und Kleidung trage, die ich schön finde, heißt das nicht, dass ich nicht ein paar Kilos verlieren möchte.
Es heißt nur, dass ich mich nicht permanent hasse. Und das ist eine verdammt gute Ausgangslage!

Gehirnwäsche in rosa und hellblau? Wie werden Kinder durch gegendertes Spielzeug beeinflusst?

(dieser Tweet hat mich dazu gebracht, diesen Blogeintrag zu schreiben)

Jetzt zur Weihnachtszeit wird ja noch mehr mit heiler Familie geworben als das restliche Jahr schon. Alle sitzen fröhlich singend im Ikea-Wohnzimmer unterm beleuchteten Weihnachtsbaum und haben sich lieb. Leuchtende Kinderaugen inklusive. Das finden Eltern und Großeltern toll. Und greifen tief in den Geldbeutel.

Doch was wird da eigentlich beworben, mit leuchtenden Kinderaugen und funkelnden Lichtern?
Mädchen freuen sich über Puppenhäuser, Barbies und bunte Spielzeug-Kücheninseln. Die Jungs mögen Bagger, Autorennbahnen und Actionfiguren.
Mädchen sind ruhig, brav, auch als 5jährige schon interessiert an Kindererziehung und Haushaltsführung (wie die Mama!). Jungs wollen Abenteuer erleben, Löcher graben (wie der Papa! – kleiner Scherz am Rande-) und schnelle Autos fahren.

Ich frage mich, seit ich solche Werbungen sehe oder alleine nur einkaufen gehe und ständig gegenderte Kinderprodukte sehe, ob das in meiner Kindheit schon genauso schlimm war (mein Tweet dazu) und inwiefern mich das beeinflusst hat bis ins Erwachsenenalter hinein.
Ich war ziemlich „typisch Mädchen“.
Ich habe von Kleinkindalter bis ins ‚hohe Alter‘ von 11 mit meinen Puppen gespielt. Ich hatte Babypuppen-Zwillinge, Sina und Lina, die überall mit dabei waren und wenn es zu Regnen anfing, wurde erst den Puppen Regenjacken angezogen, bevor ich meine eigene anzog.
Barbies hatte ich natürlich auch, soweit ich mich erinnere, habe ich diese aber nicht ständig umgezogen, sondern mit Barbie, Ken und zwei Shellys „Familie“ gespielt.
Genau dasselbe habe ich dann später jahrelang mit einer Diddlmaus, der Stuart-Little-Stoffpuppe und einer Shelley gespielt, war also unabhängig von den unrealistisch langen Beinen der Barbie.
(Selbstzweifel bekam ich nicht, weil ich als Kind mit Barbiepuppen gespielt habe, die unrealistische Körper hatten, sondern weil mir seit der 4. Klasse jahrelang täglich gesagt wurde, ich sei fett und hässlich- vielleicht waren aber diese Kinder schon beeinflusst von einem unrealistischen Bild- ich war mit 8 nämlich absolut normalgewichtig!)

Die „Mädchensachen“ bekam ich übrigens vorwiegend von meiner Oma, mit der ich auch am besten damit spielen konnte.
Von meinen Eltern gab es vor allem Lego und Playmobil, was in meiner Kindheit noch nicht gegendert war (also Prinzessinnen oder Ritter gab es schon, aber es stand nicht explizit drauf, wer damit zu spielen hatte- ich hatte übrigens sehr viele Ritter).
Ich hatte auch ein paar Autos, mit denen ich sehr gerne gespielt habe und wollte sogar eine Autorennbahn haben, was an Platzmangel und Unordentlichkeit meinerseits scheiterte.
Auch in meinem Verhalten war ich die meiste Zeit nicht perfekt mädchenhaft brav. Schüchtern und zurückhaltend Fremden gegenüber war ich zwar schon immer und ich bin froh, dass ich das sein durfte (mir tun Jungs leid, denen diese Charaktereigenschaft als „unmännlich“ ausgetrieben werden soll), aber ich konnte ein ziemlicher Giftzwerg sein. Ich habe regelmäßig Wutanfälle gekriegt, wenn etwas nicht nach meinem Plan lief und Sonntagsausflüge waren trotz Puppen im Schlepptau davon geprägt, dass ich motzend 20m hinter meinen Eltern hertrottete. Ich hatte noch nie ein Problem damit, „Nein“ zu sagen, eher im Gegenteil. „Nein“ war mein Lieblingswort und das nicht nur in Trotzphase und Pubertät. Ich weiß, dass mein Dickkopf oft anstrengend war für meine Eltern (von denen ich ihn auch geerbt habe) und bin ihnen dankbar, dass sie mir nie diesen Bullshit erzählt haben von wegen „Mädchen müssen brav sein und sich um andere kümmern“. Ich sollte weniger motzen und öfter lieb sein, aber das wurde nie verknüpft mit „..weil Mädchen so sein sollen“. Danke, Mama und Papa dafür! Ich sehe Bücher, die sich an erwachsene Frauen richten mit „Nein sagen lernen“ und frage mich, wie deren Kindheit abgelaufen sein mag.

Von klein auf habe ich gemerkt, dass meinen Eltern lieber wäre, ich würde weniger mit Puppen und mehr mit Lego spielen, meine Mutter ging nur sehr ungern in die Spielzeugabteilung „für Mädchen“ (sie hasst rosa).
Kaufe ich deshalb jetzt hauptsächlich rosafarbene Dinge für meine Wohnung, wenn es sie gibt? Ich habe einen pinkfarbenen Besen mit Glitzersteinchen drauf, eine pinkfarbene Haarbürste, eine pinkfarbene Flauschdecke, eine pinkfarbene Kaffeemaschine, eine rosafarbene Seifenablage, einen pinkfarbenen Zahnputzbecher, eine rosafarbene Müslischale mit einem Krönchen drauf, sogar mein Fusselrasierer und Fusselroller sind pink!
Wie kann ich mir sicher sein, dass mir die Farbe einfach nur sehr gut gefällt, wie ich mintgrün und schwarz auch mag? Beschäftige ich mich zu sehr mit gegendertem Scheiß, dass ich darüber überhaupt nachdenke?
Darf ich mich über rosafarbenes Feen-Shampoo aufregen, wenn mein eigenes Herz dabei hüpft und ich es selbst für mich mit 21 noch kaufen würde?
Wollte ich als kleines Mädchen an Fastnacht Prinzessin oder Fee sein, weil es mir gefiel oder weil alle kleine Mädchen hübsche Prinzessinnen sein wollen, weil ihnen das irgendwie vorgelebt wird (wieder: meine Mutter fand das Kostüm einfallslos und kitschig, die hat mir das nicht eingeredet)?
Anders gesagt: wenn ich im Bus ein Baby sehe und vor Entzückung fast kreischen muss, bin ich dann eine Klischeetussi und schlechte Feministin? Ist mir das anerzogen, weil ich mit Babypuppen gespielt habe?
Muss ich trotzig stolz sein, dass ich Bier mag und Prosecco widerlich finde?
(dazu sehr empfehlenswert dieser Blogbeitrag einer Mutter, die sich gegen die Pinkifizierung wehren will- und dann merkt, dass ihre Tochter unglücklich damit ist http://www.makellosmag.de/rosa-kindertrauer/)

Ich bin vielleicht selbst ein schlechtes Beispiel, weil ich eben in vielen Dingen ‚typisch‘ bin (was mich ärgert, weil ich ja immer noch ich bin und mich nicht dafür schämen will, dass ich rosa Glitzerkram  mag und mich schminke!). Mich würde mal interessieren, was Frauen dazu sagen, die ihre Kindheit hauptsächlich draußen in Matschklamotten verbracht haben. Wie habt ihr den rosafarbenen Korridor empfunden und wurde euch gezeigt, mit was ihr bitte zu spielen hattet?
Wie erging es Transfrauen und -männern damit in ihrer Kindheit, wenn sie vor Produkten „für Mädchen“/“für Jungs“ standen? Ist es nicht noch schädlicher, wenn man innerlich schon mit der eigenen Geschlechtsidentität kämpft, täglich beim Einkaufen oder im eigenen Kinderzimmer sehen zu müssen, wie man zu sein hat?

Abschließend möchte ich sagen, dass ich es vollkommen okay finde, wenn man Puppenhäuser und Ritterburgen verkauft, denn Kinder freuen sich darüber und spielen gerne damit. Ich würde meine Kindheit mit meinen zwei geliebten Babypuppen nicht missen wollen, nur weil ich damit einem Rollenklischee entsprochen habe.
Was aufhören muss, ist die geschlechtsspezifische Bewerbung der Produkte. Alleine, wenn sowohl Mädchen als auch Jungs in der Werbung auftauchen würde, wäre schon viel geholfen. Auch, dass rosa und hellblau wieder Farben sein können, die man unabhängig vom Geschlecht toll finden darf und die nicht nur zur Unterscheidung dienen, wie das oft bei geschlechtsunabhängigen Produkten gemacht wird, um sie zu gendern (Beispiel rosafarbenes Prinzessinenbad, blaues Siegerbad..wäre das Prinzessinnenbad gelb und das Siegerbad grün und gäbe es nicht nur diese beiden, sondern auch noch geschlechtsunspezifische Varianten, wäre das gar kein Problem).
Wenn ein Produkt nicht mehr mit „für Mädchen“ oder „für Jungs“ beworben werden würde, sondern mit Eigenschaften, zB „rosafarbener Taschenrechner mit Glitzersteinen“ statt „Taschenrechner für Mädchen“.

Was auch definitiv aufhören muss, sind Produkte, die richtiggehend plump-sexistisch sind, wie T-Shirt-Aufdrucke in der Kinderabteilung mit „Training to be Batman’s wife“ oder Lernmaterialien „für Jungs“/“für Mädchen“.

Unvergessen ein kleiner Junge (vielleicht 4 Jahre alt), der mit seiner Mutter im Bijou Brigitte war und beim gelangweilt herumstreunen einen rosafarbenen Haargummi hoch nahm und betrachtete. Sofort kam die Mama angestürmt, riss es ihm aus der Hand und sagte fast panisch „Das ist nix für dich, das ist für Mädchen!“

Kinder werden von der Gesellschaft schon genug in Rollen gedrängt und verunsichert, da sollten sie zuhause nicht auch noch Rollenbildern entsprechen müssen.

Ich wünsche hiermit allen Eltern, die das lesen, frohen Slalomlauf beim Geschenkekauf!

Viele viele bunte Pillchen

Aus aktuellem Anlass möchte nun auch ich meinen Senf zur Frage abgeben, ob die Pille danach (im Folgenden PiDaNa) rezeptfrei abgegeben werden sollte.

Zuerst einmal möchte ich über meine eigene Erfahrung damit berichten.
Vor etwas mehr als zwei Jahren (ich war 18) hätte ich eigentlich eine PiDaNa gebrauchen können, da mir die wohl klassischste der Verhütungspannen passiert ist: das Kondom ist abgerutscht, was erst danach bemerkt wurde. Natürlich war die Verunsicherung groß, nahm ich damals nämlich keine Pille, sondern hatte mich voll auf das Kondom verlassen.
Dies hatte auch einen Grund: ich war zu dem Zeitpunkt Single und sah es nicht ein, jeden Tag Hormone einzunehmen, wenn ich doch ohnehin mit Kondom verhütete und auch nicht so aktiv war, dass sich das Risiko der Nebenwirkungen gelohnt hätte, auf sich zu nehmen.
Als also der Unfall passierte, verdrängte ich zunächst, was passiert war. Am nächsten Abend allerdings machte ich mir doch einige Gedanken und beschloss daher, am Morgen darauf zum ersten Mal zum Frauenarzt zu gehen und mir sicherheitshalber eine PiDaNa verschreiben zu lassen. Ich wollte schließlich nicht aus Scham eine ungewollte Schwangerschaft riskieren.
Daher begab ich mich etwa 38 Stunden danach, in Sorge, es sei bereits zu spät, mit zitternden Knien zum ersten Mal im Leben zum Frauenarzt. Ich versuchte, so leise wie möglich der Arzthelferin zu sagen, weshalb ich gekommen sei, aber diese ließ mich mein Anliegen zwei Mal wiederholen, weil sie es angeblich akustisch nicht verstanden hätte, bis ich dann vor einem Wartezimmer voller schwangerer Frauen, teilweise in Begleitung von Kindern, in erhöhter Lautstärke verkünden musste, dass ich die PiDaNa wolle.
Ich wurde nun darüber ausgefragt, wann und wie ‚es‘ denn passiert sei und warum ich denn nicht schon früher gekommen sei, am Tag vorher? Auf meine Aussage, ich hätte es verdrängt, erntete ich nur einen abschätzigen Gesichtsausdruck und bekam mitgeteilt, man könnte mich um 17 Uhr einschieben, vorher wäre leider schon alles ausgebucht. Mein Einwand, dass es dann ja noch länger her sei, wurde nur abgekanzelt mit „Sie hätten ja gestern schon kommen können!“.
Dies war mir so unangenehm, dass ich den Termin um 17 Uhr (dann wären es schon 46 Stunden gewesen) nicht wahrnahm und mir sagte, dass schon nichts passiert sei.
War es auch nicht. Zum Glück.

Man könnte mir an dieser Stelle natürlich vorwerfen, dass ich nicht wirklich schon am Tag vorher eine Praxis aufgesucht habe und auch, dass ich zum genannten Termin nicht erschienen bin.
Ich muss dazu noch erwähnen, dass ich damals schon fast panische Angst hatte, zu irgendeinem Arzt zu gehen und all mein Mut schon für den ersten Gang am Morgen aufgebraucht war.

Ich weiß aber nun spätestens seit ich einige andere Blogs gelesen habe, dass es wie mir noch vielen anderen Frauen ging beim Versuch, sich die PiDaNa verschreiben zu lassen.
Warum das so ist, darüber möchte ich nicht spekulieren.
Ich möchte nur so viel sagen, dass ich, zwar nicht von meinen Eltern, aber in der Schule und durch das Internet aufgeklärt wurde. Ich weiß, wie man schwanger wird und wie man dies verhindert. Ich wusste daher auch, welche Nebenwirkungen eine normale Pille haben kann, bevor ich je in Berührung damit kam und entschied mich dafür, nicht in meinen Hormonhaushalt einzugreifen, wenn es nicht zwingend notwendig war. Meiner Ansicht nach ist es, gerade in jungen Jahren, wenn sich der Hormonhaushalt noch einpendelt, ‚gesünder‘, immer ein Kondom zu verwenden und nur im Falle einer Panne wie der meinen auf die PiDaNa zurückzugreifen, da ein Kondom bei sachgemäßer Anwendung doch sehr sicher ist. Ich finde es zweifelhafter, eine 14jährige täglich Hormone einnehmen zu lassen, als nur einmal, im Ernstfall.

„Wie Smarties“ nähme keine Frau die PiDaNa, spätestens nach dem ersten Mal nicht mehr, wenn sie die, zugegebenermaßen wohl starken, Nebenwirkungen zu spüren bekäme (offen gesagt wohl auch nicht anders als heftige Zyklusschmerzen, die manche Frauen zusammengefasst 3 Monate pro Jahr ertragen). Außerdem wäre es ein sehr sehr teures Smartie (ich hörte von 17 und sogar 35€).

Rezeptfrei erhältlich sind viele Medikamente. Die ebenfalls Nebenwirkungen haben, sind sie ja eben auch Medikamente und keine Smarties. Ich nehme mein ASS ratiopharm allerdings nur, wenn ich Kopfschmerzen habe. Und mein Dolormin nur bei Bauchkrämpfen. Die PiDaNa würde ich dementsprechend auch nur bei einer Verhütungspanne nehmen.
Ich entschloss mich sogar mal, ein rezeptfrei erworbenes Mittel gegen Zahnschmerzen nicht zu nehmen, nachdem ich den Beipackzettel las. Rezeptfreie Nebenwirkungen sind eben nicht ohne!

In Apotheken arbeiten fähige, gut ausgebildete Menschen, die mich bisher immer gut beraten haben, egal ob bei Hautpflege, homöopathischen oder Mitteln der Schulmedizin. Daher bin ich mir sicher, dass auch bei der rezeptfreien Abgabe der PiDaNa genügend Informationen gegeben werden Teilweise nehmen sich ApothekerInnen sogar mehr Zeit als mein ehemaliger Frauenarzt für ein Gespräch. Als ich dann die Pille verschrieben bekam, wurde sie mir übrigens eher aufgeschwatzt: „Sie haben wahrscheinlich (!) Hormonschwankungen, ich verschreibe Ihnen mal diese Pille, deren Logo auf meiner Schreibtischunterlage und meinen Ordnern gedruckt ist, weil ich das Motiv so hübsch fand“ und meine spätere Beschwerde über Nebenwirkungen wurde abgetan mit „Das kann ja gar nicht sein, dass Sie die nicht vertragen, die ist so niedrig dosiert, laktosefrei und die verträgt jeder! Lassen Sie mal Ihren Magen untersuchen. Ich schreib Ihnen direkt das Rezept für die nächsten 3 Monate“. Aber das nur nebenbei zur ausführlichen und unabhängigen ärztlichen Beratung.

Mit der Möglichkeit, die PiDaNa rezeptfrei erwerben zu können, spart man sich zeitraubende (!) Umwege, vielleicht sogar einen stundenlangen Aufenthalt in der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses, wenn der Unfall am Wochenende oder am Feiertag passiert ist, spart den Ärzten und Pflegern in der Notaufnahme auch wertvolle Zeit, die sie mit Patienten verbringen könnten, die dringend schnell einen Arzt brauchen.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass man durch eine Erschwerung des Zugangs zur PiDaNa nicht die Nachfrage nach ihr ‚erzieherisch‘ verringert, nach dem Motto „War schön peinlich, oder? Pass nächstes Mal besser auf!“ oder „Was solls, wenn ich schwanger bin, bin ich es eben“. Wer eine Panne früh bemerkt und weiß, dass dies nicht der richtige Moment für ein Kind ist, dem sollte ermöglicht werden, durch eine relativ harmlose Methode, eine Schwangerschaft zu verhindern. Wer nämlich wirklich kein Kind haben möchte, dem bleibt sonst nur noch eine Abtreibung und die ist, da sind sich wohl alle einig, mit weit mehr Risiken verbunden als die PiDaNa. Ich möchte sogar so weit gehen, zu vermuten, dass durch einen einfacheren Zugang die Zahl der ungewollten Babies verringert werden könnte, die in Babyklappen abgegeben werden oder von ihrer hilf- und ratlosen Mutter vernachlässigt werden.
Besonders könnten dadurch auch ungewollte Teenagerschwangerschaften vermindert werden. Wer schnell genug schaltet, ist auf der sicheren Seite.

Ich wäre vor zwei Jahren auf jeden Fall ziemlich erleichtert gewesen, hätte ich nur in eine Apotheke gehen müssen, dann hätte ich die PiDaNa sicher genommen. Wäre wirklich etwas passiert, hätte ich nun ein anderthalbjähriges Kind und würde wohl nicht studieren. Für dieses Risiko trage ich nicht alleine die Schuld durch meine Feigheit.

Freiwillige Sexarbeit. Ja, die gibts!

In letzter Zeit habe ich mich durch einige Blogs gefressen, die sich mit den Themen Feminismus und Prostitution beschäftigen.

Diverse Meinungen zu den diversen Facetten oben genannter Themen haben mich zur folgenden Frage gebracht: inwieweit wird dem (weiblichen) Individuum sexuelle Selbstbestimmung zugetraut?

Es herrscht die allgemeine Meinung, dass man heutzutage überall so ziemlich alles tun und lassen kann, was man möchte. Rein theoretisch. Und eben diese Theorie führt zum Problem: einzelne Personen, sowohl Frauen als auch Männer, sich ExpertInnen nennend, welche die Allgemeinheit belehren wollen, „wie die Wirklichkeit aussieht“. Die Wirklichkeit, dh eine statistisch nicht überprüfte persönliche Meinung, die vorgetragen wird, wie das Ergebnis einer repräsentativen Studie.

Man möchte argumentieren, dass in Deutschland Meinungsfreiheit herrscht und jeder noch so abstruse Meinungen publizieren dürfe, solange sie keiner natürlichen Person schaden, also solange keine Grundrechte verletzt werden. Aber kann man davon ausgehen, dass jede öffentliche Meinungsäußerung, die nicht gegen Grundrechte verstößt, auch keinem schadet? Ich denke nicht!

Gerade im Feminismus der 2. Welle gibt es Ansichten zur sexuellen Selbstbestimmung und Sexarbeit, die unkritisch in den Medien vorgetragen werden.

Wer kann (oder darf!) klar definieren, inwieweit jemand aus freien Stücken als sex worker arbeitet? (ich beschränke mich hier nur auf die Perspektive einer weiblichen Prostituierten, da sich der 2.-Welle-Feminismus auch hauptsächlich mit ebendiesen beschäftigt)

Dazu gibt es einen Mythos, alle Prostituierten seien zwangsweise in diesem Beruf tätig, da ’niemand das freiwillig machen würde‘. Diese Aussage muss man in zwei Teile aufteilen:

1.: der Zwangsfaktor: es gibt einen Berufsverband und mehrere Organisationen (Hydra, Dona Carmen, der BesD..), die von und für Sexarbeiter*innen sind und sehr klar berichten, dass sehr viele Menschen dieser Arbeit ohne Zwang nachgehen. Es ist ein Mythos, dass alle Sexarbeiter*innen einen Zuhälter haben oder unter falschen Tatsachen von Osteuropa nach Deutschland gelockt wurden. Diese Fälle gibt es auch, aber sie sind weit weniger als die oft genannten 97%.

Zu 2. muss ich etwas weiter ausholen: die Aussage, niemand würde sich freiwillig prostituieren ist sehr schwammig. Wie definiert man ‚freiwillig‘? Sicher ist wohl, dass keine Prostituierte ihre Dienste kostenlos anbieten würde, denn der Geldaustausch ist ein markantes Merkmal der Prostitution. Auch tut sie es kaum aus Nächstenliebe, sondern eben um Geld zu verdienen. Das heißt aber nicht, dass sie daran keinen Spaß haben kann oder gar dazu gezwungen wird (das basiert wieder nur auf dem sexistischen Vorurteil, dass Frauen Sex nutzen, um ihre Interessen- Geld, Luxus, Liebe- erfüllt zu bekommen)! Wenn man Prostitution als das betrachtet, was es ist, nämlich eine Dienstleistung, lässt sich Punkt 2 sehr einfach klären: warum transportiert ein Möbelpacker wohl Ihre Möbel aus Ihrer Wohnung, wenn Sie umziehen? Aus Nächstenliebe? Im Kapitalismus ist keine Arbeit wirklich freiwillig.

In welchem Maßen spielen persönliche Begleitumstände in die Freiwilligkeit zur Tätigkeit hinein? Es wird oft argumentiert, dass Frauen durch eine schlechte wirtschaftliche Lage (klassisches Klischeebeispiel: junge alleinerziehende Mutter, keine Ausbildung, Schulden) in die Prostitution getrieben werden. Doch heutzutage muss niemand mehr auf der Straße wohnen, man bekommt Unterstützung vom Staat, die zum Überleben (gerade so) reicht. NIEMAND MUSS SICH PROSTITUIEREN. Prostitution ist eine Möglichkeit, ohne Ausbildung mit flexiblen Arbeitszeiten schnell an (relativ) viel Geld zu kommen und daher durchaus reizvoll für Frauen, die sich etwas mehr leisten wollen, als sie vom Staat bekommen würden (sei es ALG I oder II oder BAföG, wobei da natürlich wieder der Staat Einspruch erhebt bzw mitverdienen will- wo ist das eigentlich nicht Ausbeutung der Arbeitskraft?) oder auch als „Plus“ zum Gehalt ihres Hauptberufes.

Nicht jede Frau möchte als sex worker arbeiten und das ist auch vollkommen in Ordnung, es gibt schließlich für jede Arbeit persönliche Präferenzen und Eignungen. Solange man nur das tut, was man mit sich selbst vereinbaren kann und aufhört, wenn man es nicht mehr kann, wird man wahrscheinlich keine psychischen Verletzungen davontragen.

Ich bin sehr froh, dass Sexarbeit seit mittlerweile 10 Jahren nicht mehr verboten ist, das bedeutet nämlich, dass Sexarbeiter*innen besser geschützt sind. Die Theorie, dass ein erneutes Verbot Probleme des Metiers eindämmt, ist schlichtweg naiv und sehr gefährlich: durch eine erneute Illegalisierung wird einfach alles, ‚was nicht sein darf‘ ignoriert und Prostituierte haben keine Rechtsgrundlage gegen zahlungsunwillige oder gewalttätige Kund*innen, da sie sich dadurch nicht nur beim Staat ‚outen‘ müssen, sondern per se kein Recht auf Lohn haben, solange man Sex nicht kaufen darf. Das würde sicher Kund*innen dazu ermutigen, öfter einmal die Zeche zu prellen oder ohne die Zustimmung der*des Arbeiter*in eine (vorsichtig ausgedrückt) harte Gangart einzulegen, da sie ihn*sie wohl kaum anzeigen wird.

Es ist anmaßend, erwachsenen (!) Menschen die Fähigkeit zur freiwilligen Berufswahl abzusprechen, nur weil es sich um einen leider immernoch nicht in der breiten Gesellschaft öffentlich akzeptierten Bereich handelt!

Tatort Internet- Der Selbstversuch

Mehr aus einer Laune heraus meldete ich mich heute Nacht im deutschsprachigen ‚Teenchat‘ auf der Internetseite von ICQ an. Da ich am Morgen auf YouTube einige Folgen der fragwürdigen RTLII-Sendung ‚Tatort Internet‘ gesehen hatte und an der Unvorsichtigkeit Pädophiler im Chat zweifelte (war Humbert Humbert in Nabokovs Lolita doch ein Meister des Mimikry!), nannte ich mich ‚cute99‘. Ein Name, der indiziert, dass sich dahinter ein 13jähriges Mädchen verbirgt.

Ich konnte gerade ein ‚hey‘ in den allgemeinen Chatroom werfen, als bereits einige Privatchatfenster aufblinkten. Wie alt ich sei. Darauf drei verschiedene Antwortvarianten: man sei auch 13, etwas älter (17) oder das wahrscheinlich wahre Alter wurde direkt zugegeben.

Ich verurteile nicht, wenn jemand ein 13jähriges Mädchen fragt, ob es schon einen Freund hatte- das fällt unter tolerable Kommunikation. Was mir allerdings in nur einer halben Stunde Chattens begegnet ist, stieß mir überaus sauer auf.

Ich möchte nichts umformulieren sondern kopiere hier die Chatprotokolle im O-Ton (gekürzt) hinein- die sprechen für sich.

<Beennyy> hast du nen freund?

<cute99> hatte noch keinen

<Beennyy> also noch keine erfahrung mit jungs?

<cute99> nee leider :(

<Beennyy> machst du es schon selber?

<cute99> einmal erst

<Beennyy> denkst du oft an sex?

<cute99> nee das machen doch nur jungs

<Beennyy> bestimmt hast du auch fantasien?^^

<cute99> naja ich will mit nem jungen zusammen sein, der mir ne rose schenkt und so *grins

<Beennyy> ich bin ein junge, und ich habe fantasien?^^ […] aber ich würde auch rosen schenken

<cute99> jaa echt?

<Beennyy> magst du leggins? […] ziehst du sie an und darunter ne unterhose?

<cute99> ja

<Beennyy> musst du zur toilette?

<cute99> nein warum?

<Beennyy> weil ich nasse leggins mag^^

 

Vom Hi zu den nassen Leggins in weniger als 10 Minuten. Schlimm? Hier die Steigerung:

<martin_nrw> magst du versautere sachen?

<cute99> wie meinst du?

<martin_nrw> ns kv spiele magst du sowas?

<cute99> was ist das?

<martin_nrw> spiele mit deiner pisse und scheiße

Meinen Respekt, nicht erst groß herumgeredet, sondern gleich gesagt, was Sache ist. Ich nehme an, dass der Mann sich einfach nur etwas ‚aufwärmen‘ wollte oder schlichtweg keine Erfahrung hat mit jungen Mädchen, sonst wäre er nicht so mit der Tür ins Haus gefallen- wollen wir es hoffen! Wäre ich wirklich 13, hätte mich diese Anfrage zumindest für kurze Zeit negativ beschäftigt.

Der nächste Chatpartner räumt gleich zu Beginn des Gespräches ein, 39 Jahre alt zu sein, sein Einstiegssatz zeigt sehr deutlich, was er sich erhofft:

<M_mit_CAM> Lust mit einem älteren Mann zu Camen? Ich bin gerade geil und will dabei wichsen

Er fragt mich, ob ich gerne dabei zuschauen möchte, wenn er sich vor der Kamera entspannt. Als ich schreibe, dass meine Eltern mir keine Webcam erlauben, bietet er mir an, stattdessen zu telephonieren. Auch dieses Mal komme ich mit dem Argument Eltern: das Haus sei hellhörig, sie könnten mich Reden hören (was wohl das einzig Wahre ist, das ich in der halben Stunde über mich preisgegeben habe). Auch dafür hat er eine Lösung: ich müsse ja nicht reden, nur ihm beim Wichsen zuhören, es würde mich sicherlich geil machen. Als ich erneut Bedenken anmelde, schreibt er nicht weiter.

All das hat mir schon zur Genüge gezeigt, was Kindern nach nur wenigen Minuten des als harmlos empfundenen Chattens begegnen kann. Ich selbst habe im Alter von 14 Jahren langweilige Nachmittage im ICQ-Chat verbracht und wohl viel Glück gehabt, mir keine offensichtlichen Kleinmädchen-Chatnamen ausgesucht und nie mein Geburtsjahr angehängt zu haben und ich somit von solchen verbalen Übergriffen verschont blieb. Auch wenn es nur in der Theorie bleibt und ich hoffe, dass es genug Jugendliche wie mich gibt, die auch in jüngsten Jahren misstrauisch sind bei sexuellen Gesprächsthemen, kann die Frage nach ‚Natursekt‘ oder ‚Kaviar‘ einen Teenager zu Beginn der sexuellen Selbstfindungsphase sehr verwirren.

Was dann jedoch geschah, machte mich sprachlos (dazu können sich die geneigten Leser gerne eine reißerische RTLII-Off-Stimme denken). Im Folgenden das Chatprotokoll in seiner ganzen ‚Pracht‘- ein schlechter Versuch, den Film ‚Pretty Baby‘ nachspielen zu wollen:

<M-4_girly> hy willst dir was verdienen?

(wer hier bereits Böses ahnt: er ahnt das Richtige)

<cute99> wie denn?

<M-4_girly> bist du noch ne jungfrau

<cute99> ja..

<M-4_girly> was hast schon gemacht mit jungs

<cute99> bin mal mit nem jungen gegangen..wir waren 2 wochen zusammen! :)

<M-4_girly> was würdest den machen für 350 euro

<cute99> weiß nich

<cute99> was willst du?

<M-4_girly> würdest die beine breit machen

<cute99> bin doch noch jungfrau

<M-4_girly> na und

<cute99> will eigentlich warten, bis ein junge das richtig romantisch macht

<M-4_girly> ist aber viel geld […] und würdest?

<cute99> weiß nicht genau..

<M-4_girly> zu wenig geld?

(als ob es nur daran scheitern könnte!)

<cute99> is immerhin mein erstes mal..

<M-4_girly> wennst mir gefällst würd ich dir auch mehr geben

<cute99> und was sagen meine eltern dann?

<M-4_girly> denen must es ja nicht sagen […] zeig mir mal ein foto

<cute99> lieber nicht

<M-4_girly> warum nicht?

<cute99> dann würdest du ja sehen, dass ich in Wirklichkeit 18 bin und keine 13jährige Jungfrau, die sich für ihre Entjungferung bezahlen lässt. Ohne Worte.

350€ für mein Jungfernhäutchen? Ziemlich hoher Preis für so ein  kleines Stückchen Gewebe. Schwarzer Humor aus. Entschuldigung.

Genug ‚Tatort Internet‘-Selbstversuch. Nach diesem Chat war meine Neugier auf  seelische Abgründe erschöpft. Wenn diese Männer wirklich an sexuellen Kontakten mit Kindern interessiert sind, stellen sie sich wirklich äußerst naiv an. Naiver hoffentlich als die Mehrheit der wirklich 13jährigen Chatter. Man sagt doch (Achtung: Vorurteil), dass Pädokriminelle einen außerordentlichen Zugang zu der kindlichen Welt ihrer Opfer haben und sich ihnen erst als väterliche Freunde nähern. Und das ist wohl nicht mit 3 Chat-Zeilen bewerkstelligt. Deshalb hoffe ich, dass jene Männer, mit denen ich heute Nacht ein zweifelhaftes Vergnügen hatte, es nie so weit bringen, dass sich ein Kind mit ihnen treffen will.

Mein 14jähriges Ich wird gerade sehr sauer, aber mein 18jähriges heutiges Ich muss es trotzdem schreiben: offene Chatrooms sind nichts für Kinder unter 15. Zu groß die Anonymität. Ich bin ein Fan von schülervz für junge Menschen. Die VZ-Netzwerke sorgen sich darum, dass gerade Kinder nicht zu viel von sich preisgeben und starten Wettbewerbe zu Themen wie Sicherheit im Internet- jedenfalls erinnere ich mich an solche Aktionen aus meiner Zeit dort. Der Trend zu Facebook ist nicht gut für sehr junge Menschen, da man dort zu viel von sich preisgeben kann und auch die Gefahr von Fakeprofilen um einiges höher ist, da man keine Einladung benötigt. Es ist nahezu unmöglich, einen offenen Chatroom zu kontrollieren, wenn man nicht einmal eine Anmeldung mit einem falschen Namen braucht sondern direkt loschatten kann- und dort Mailadressen und Handynummern preisgeben kann. Glücklicherweise ist es nicht möglich, Photos zu schicken, sonst hätte ich nun auch noch eine Reihe erigierter Glieder unerwünscht zu Gesicht bekommen.

 

Mein Fazit aus meinem Selbstversuch: Ich war immer sehr gegnerisch gewissen Statements wie ‚alle Kinderschänder aufhängen/ köpfen/kastrieren‘ gegenüber- solche Äußerungen sind in der Nähe von ‚die Ausländer nehmen uns Job und Weiber weg‘ beheimatet. Ich war ebenfalls immer sehr skeptisch ob der Gesellschaftsmoral, Altersunterschiede betreffend. Seit meinem 15. Lebensjahr bin ich fast ausschließlich an Männern interessiert, die mindestens 10 Jahre älter sind als ich. Ich habe mich aber nie zu etwas drängen lassen, was ich nicht wollte.     Es war eine Begegnung auf Augenhöhe und wenn mich jemand (außerhalb gewisser Situationen) als kleines Kind hinstellte, war ich schneller wütend als er ‚Lolita‘ sagen konnte. Soviel dazu. Was sich aber in manchen Chatrooms abspielt, ist eine gänzlich andere Thematik: es geht darum, dass erwachsene Menschen die Naivität und Neugier von Kindern ausnutzen, die gerade anfangen, nach dem anderen Geschlecht (oder auch dem eigenen Geschlecht- jedenfalls dem sexuell anziehend wirkenden Geschlecht) Ausschau zu halten. Kinder, die sich (wie ich aus eigener Erfahrung noch sehr gut weiß) schon sehr erwachsen fühlen, vielleicht schon einige Pornos gesehen haben, aber de facto ahnungslos sind.

Diese Problematik ist bei Weitem nicht neu, aber immer wieder beschäftigen sich Menschen damit, so wie ich heute, in der Hoffnung, dass man- statt digitale Hakenkreuzgraffitis zu übertünchen (wie ich SOPA und PIPA in einem Artikel über Pädophile unterbrachte)- dazu beiträgt, dass eine Gefahr für Kindesmissbrauch eingedämmt wird. Strafbar hat sich keiner meiner heutigen Chatpartner gemacht und ich will nicht alle Menschen mit pädophilen Neigungen als potentielle Täter bezeichnen, das unterscheidet meine Meinung wohl von der  der deutschen Mehrheit!

 

gez. Ally, distanziert von Guttenberg-Gattin, nicht aus auf Publicity, sondern auf den Weltfrieden. Amen. (ein zweites Mal: schwarzer Humor aus)

 

Willkommen…

…auf meinem Blog.

Der Anfang ist immer das Schwerste…

Deshalb beende ich diesen Eintrag auch und hoffe, dass ich diesen Blog bald regelmäßig führe.