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Der Weg zu meiner Sexualität (zum Bi Visibility Day 2016)

Wer mich kennt weiß, dass ich sehr gerne, oft und ausgiebig darüber rede, wie gay ich bin. Manche mögen mittlerweile sogar leicht davon genervt sein. Allerdings ist das darüber reden können eine recht neue Errungenschaft für mich. Lange genug war meine Anziehung zu Frauen mir selbst ein Rätsel oder später ein Gimmick für Typen, um mit mir gemeinsam über (prominente) Frauen zu schwärmen, was jedoch auf wundersame Weise den Gedanken ausschloss, ich könnte unabhängig von ihnen diese Seite von mir erkunden. Die Tatsache, dass ich männliche Crushes hatte und mit Männern ausging, schien das Thema für mich und andere irgendwie abzuhaken. Ich zeichnete nackte Frauen im Unterricht und bewunderte diverse unterschiedliche weibliche Menschen, während ich meine sexuelle und romantische Energie vollständig auf männliche Menschen projizierte.

Zwischenzeitlich nannte ich mich ab und zu bisexuell, weil ich schon bemerkte, dass ich mehr als nur rein ästhetische Wertschätzung für Frauen hatte, aber ich hatte nicht den Drang, danach zu handeln. Ich datete weiterhin ausschließlich Männer, glaubte sogar daran, dass eine Frau mir nie all das geben könnte, was ich bräuchte. Dennoch folgte ich diversen Twitteraccounts, die ausschließlich sexy Photos von Frauen posteten und flirtete scherzhaft mit Freundinnen.

Vor etwa zwei Jahren fing es dann an, dass ich merkte, dass da irgendwas falsch läuft. Ich bemerkte plötzlich Details, als hätte ich bisher eine Heterobrille getragen und nun abgesetzt. Es war nicht so, dass Frauen „halt einfach schön sind“, sondern ich finde sie schön, weil ich auf sie stehe! Ich habe mir Shakiras Musikvideos früher nicht deshalb in Endlosschleife angeschaut, weil ich ihre Tanzbewegungen lernen wollte, sondern weil ich einen Crush auf sie hatte.

Auf einer Party ergab es sich dann, dass ich mit einer Frau tanzte. Als irgendwann ihr Freund auftauchte, war meine Stimmung schlagartig im Eimer und ich musste tagelang daran denken und mich damit auseinander setzen, dass ich wohl tatsächlich bisexuell sein müsste. Ab da hat es noch einmal beinahe ein Dreivierteljahr gedauert, bis ich einer Frau endlich näher kommen durfte. Es war, als wäre ich aus einem langen Schlaf aufgewacht, als sähe ich die Welt und mich endlich klar. Es hat sich endlich richtig angefühlt. Ab diesem Zeitpunkt habe ich vollständig mein Interesse an Cismännern verloren. All die vergangene Anziehung wurde mit diesem einen Erlebnis in den Schatten gestellt. Dieser Tag stellt einen Wendepunkt in meinem Leben dar.

Ich dachte seitdem oft über passende Label für mich nach. Ich wollte ein Label, und sei es nur für mich persönlich, das das gesamte Spektrum meiner Sexualität abdeckt. Ich fühlte mich mit „bisexuell“, dem Label, das ich einige Jahre locker vor mir hertrug und ein Jahr lang intensiv für mich beanspruchte, nicht mehr wohl. Ich weiß, dass Bisexualität nicht 50/50 sein muss, dass auch 90/10 bisexuell sein kann, aber ich wollte etwas, das meine hauptsächliche Anziehung für Frauen verdeutlicht, aber andere nichtmännliche Gender nicht ausschließt. Momentan mag ich homoflexible ganz gerne, ebenfalls queer. Diese beiden Label lassen Flexibilität zu und nageln mich nicht fest. Manchmal sage ich scherzhaft, ich sei pan, nur halt ohne Männer. Ich fühle mich daher auch mittlerweile mit dem Label ‚lesbisch‘ wohl, weil es so am einfachsten verständlich ist und meine Lebenswirklichkeit am ehesten trifft.

Trotzdem fühle ich mich der Bi-Community noch sehr verbunden. Ich habe oft Hemmungen, zu berichten, dass ich eben nicht schon mein ganzes Leben oder zumindest seit frühester Teenagerzeit wusste, wer ich bin, sondern dass das erst innerhalb der letzten 2 Jahre passierte. Ich fürchte dann, nicht ernstgenommen zu werden, als hätte ich nur eine Phase und würde irgendwann doch wieder bei einem Mann landen. Als sei meine gayness nur vorgeschoben, um mich nicht mit Bifeindlichkeit auseinandersetzen zu müssen. Als würde ich, auch wenn ich mich als lesbisch bezeichne, nicht dazugehören, wenn ich in einem Nebensatz einen Exfreund erwähne. Und davon muss sich unsere gesamte LGBT+-Community dringend lösen. Sexualität ist kein Wettbewerb. Die Anziehung zu einem Gender wird nicht dadurch gemindert, dass parallel dazu noch Anziehung zu anderen Gendern existiert oder in der Vergangenheit existiert hat. Community, get your shit together!