Gehirnwäsche in rosa und hellblau? Wie werden Kinder durch gegendertes Spielzeug beeinflusst?

(dieser Tweet hat mich dazu gebracht, diesen Blogeintrag zu schreiben)

Jetzt zur Weihnachtszeit wird ja noch mehr mit heiler Familie geworben als das restliche Jahr schon. Alle sitzen fröhlich singend im Ikea-Wohnzimmer unterm beleuchteten Weihnachtsbaum und haben sich lieb. Leuchtende Kinderaugen inklusive. Das finden Eltern und Großeltern toll. Und greifen tief in den Geldbeutel.

Doch was wird da eigentlich beworben, mit leuchtenden Kinderaugen und funkelnden Lichtern?
Mädchen freuen sich über Puppenhäuser, Barbies und bunte Spielzeug-Kücheninseln. Die Jungs mögen Bagger, Autorennbahnen und Actionfiguren.
Mädchen sind ruhig, brav, auch als 5jährige schon interessiert an Kindererziehung und Haushaltsführung (wie die Mama!). Jungs wollen Abenteuer erleben, Löcher graben (wie der Papa! – kleiner Scherz am Rande-) und schnelle Autos fahren.

Ich frage mich, seit ich solche Werbungen sehe oder alleine nur einkaufen gehe und ständig gegenderte Kinderprodukte sehe, ob das in meiner Kindheit schon genauso schlimm war (mein Tweet dazu) und inwiefern mich das beeinflusst hat bis ins Erwachsenenalter hinein.
Ich war ziemlich „typisch Mädchen“.
Ich habe von Kleinkindalter bis ins ‚hohe Alter‘ von 11 mit meinen Puppen gespielt. Ich hatte Babypuppen-Zwillinge, Sina und Lina, die überall mit dabei waren und wenn es zu Regnen anfing, wurde erst den Puppen Regenjacken angezogen, bevor ich meine eigene anzog.
Barbies hatte ich natürlich auch, soweit ich mich erinnere, habe ich diese aber nicht ständig umgezogen, sondern mit Barbie, Ken und zwei Shellys „Familie“ gespielt.
Genau dasselbe habe ich dann später jahrelang mit einer Diddlmaus, der Stuart-Little-Stoffpuppe und einer Shelley gespielt, war also unabhängig von den unrealistisch langen Beinen der Barbie.
(Selbstzweifel bekam ich nicht, weil ich als Kind mit Barbiepuppen gespielt habe, die unrealistische Körper hatten, sondern weil mir seit der 4. Klasse jahrelang täglich gesagt wurde, ich sei fett und hässlich- vielleicht waren aber diese Kinder schon beeinflusst von einem unrealistischen Bild- ich war mit 8 nämlich absolut normalgewichtig!)

Die „Mädchensachen“ bekam ich übrigens vorwiegend von meiner Oma, mit der ich auch am besten damit spielen konnte.
Von meinen Eltern gab es vor allem Lego und Playmobil, was in meiner Kindheit noch nicht gegendert war (also Prinzessinnen oder Ritter gab es schon, aber es stand nicht explizit drauf, wer damit zu spielen hatte- ich hatte übrigens sehr viele Ritter).
Ich hatte auch ein paar Autos, mit denen ich sehr gerne gespielt habe und wollte sogar eine Autorennbahn haben, was an Platzmangel und Unordentlichkeit meinerseits scheiterte.
Auch in meinem Verhalten war ich die meiste Zeit nicht perfekt mädchenhaft brav. Schüchtern und zurückhaltend Fremden gegenüber war ich zwar schon immer und ich bin froh, dass ich das sein durfte (mir tun Jungs leid, denen diese Charaktereigenschaft als „unmännlich“ ausgetrieben werden soll), aber ich konnte ein ziemlicher Giftzwerg sein. Ich habe regelmäßig Wutanfälle gekriegt, wenn etwas nicht nach meinem Plan lief und Sonntagsausflüge waren trotz Puppen im Schlepptau davon geprägt, dass ich motzend 20m hinter meinen Eltern hertrottete. Ich hatte noch nie ein Problem damit, „Nein“ zu sagen, eher im Gegenteil. „Nein“ war mein Lieblingswort und das nicht nur in Trotzphase und Pubertät. Ich weiß, dass mein Dickkopf oft anstrengend war für meine Eltern (von denen ich ihn auch geerbt habe) und bin ihnen dankbar, dass sie mir nie diesen Bullshit erzählt haben von wegen „Mädchen müssen brav sein und sich um andere kümmern“. Ich sollte weniger motzen und öfter lieb sein, aber das wurde nie verknüpft mit „..weil Mädchen so sein sollen“. Danke, Mama und Papa dafür! Ich sehe Bücher, die sich an erwachsene Frauen richten mit „Nein sagen lernen“ und frage mich, wie deren Kindheit abgelaufen sein mag.

Von klein auf habe ich gemerkt, dass meinen Eltern lieber wäre, ich würde weniger mit Puppen und mehr mit Lego spielen, meine Mutter ging nur sehr ungern in die Spielzeugabteilung „für Mädchen“ (sie hasst rosa).
Kaufe ich deshalb jetzt hauptsächlich rosafarbene Dinge für meine Wohnung, wenn es sie gibt? Ich habe einen pinkfarbenen Besen mit Glitzersteinchen drauf, eine pinkfarbene Haarbürste, eine pinkfarbene Flauschdecke, eine pinkfarbene Kaffeemaschine, eine rosafarbene Seifenablage, einen pinkfarbenen Zahnputzbecher, eine rosafarbene Müslischale mit einem Krönchen drauf, sogar mein Fusselrasierer und Fusselroller sind pink!
Wie kann ich mir sicher sein, dass mir die Farbe einfach nur sehr gut gefällt, wie ich mintgrün und schwarz auch mag? Beschäftige ich mich zu sehr mit gegendertem Scheiß, dass ich darüber überhaupt nachdenke?
Darf ich mich über rosafarbenes Feen-Shampoo aufregen, wenn mein eigenes Herz dabei hüpft und ich es selbst für mich mit 21 noch kaufen würde?
Wollte ich als kleines Mädchen an Fastnacht Prinzessin oder Fee sein, weil es mir gefiel oder weil alle kleine Mädchen hübsche Prinzessinnen sein wollen, weil ihnen das irgendwie vorgelebt wird (wieder: meine Mutter fand das Kostüm einfallslos und kitschig, die hat mir das nicht eingeredet)?
Anders gesagt: wenn ich im Bus ein Baby sehe und vor Entzückung fast kreischen muss, bin ich dann eine Klischeetussi und schlechte Feministin? Ist mir das anerzogen, weil ich mit Babypuppen gespielt habe?
Muss ich trotzig stolz sein, dass ich Bier mag und Prosecco widerlich finde?
(dazu sehr empfehlenswert dieser Blogbeitrag einer Mutter, die sich gegen die Pinkifizierung wehren will- und dann merkt, dass ihre Tochter unglücklich damit ist http://www.makellosmag.de/rosa-kindertrauer/)

Ich bin vielleicht selbst ein schlechtes Beispiel, weil ich eben in vielen Dingen ‚typisch‘ bin (was mich ärgert, weil ich ja immer noch ich bin und mich nicht dafür schämen will, dass ich rosa Glitzerkram  mag und mich schminke!). Mich würde mal interessieren, was Frauen dazu sagen, die ihre Kindheit hauptsächlich draußen in Matschklamotten verbracht haben. Wie habt ihr den rosafarbenen Korridor empfunden und wurde euch gezeigt, mit was ihr bitte zu spielen hattet?
Wie erging es Transfrauen und -männern damit in ihrer Kindheit, wenn sie vor Produkten „für Mädchen“/“für Jungs“ standen? Ist es nicht noch schädlicher, wenn man innerlich schon mit der eigenen Geschlechtsidentität kämpft, täglich beim Einkaufen oder im eigenen Kinderzimmer sehen zu müssen, wie man zu sein hat?

Abschließend möchte ich sagen, dass ich es vollkommen okay finde, wenn man Puppenhäuser und Ritterburgen verkauft, denn Kinder freuen sich darüber und spielen gerne damit. Ich würde meine Kindheit mit meinen zwei geliebten Babypuppen nicht missen wollen, nur weil ich damit einem Rollenklischee entsprochen habe.
Was aufhören muss, ist die geschlechtsspezifische Bewerbung der Produkte. Alleine, wenn sowohl Mädchen als auch Jungs in der Werbung auftauchen würde, wäre schon viel geholfen. Auch, dass rosa und hellblau wieder Farben sein können, die man unabhängig vom Geschlecht toll finden darf und die nicht nur zur Unterscheidung dienen, wie das oft bei geschlechtsunabhängigen Produkten gemacht wird, um sie zu gendern (Beispiel rosafarbenes Prinzessinenbad, blaues Siegerbad..wäre das Prinzessinnenbad gelb und das Siegerbad grün und gäbe es nicht nur diese beiden, sondern auch noch geschlechtsunspezifische Varianten, wäre das gar kein Problem).
Wenn ein Produkt nicht mehr mit „für Mädchen“ oder „für Jungs“ beworben werden würde, sondern mit Eigenschaften, zB „rosafarbener Taschenrechner mit Glitzersteinen“ statt „Taschenrechner für Mädchen“.

Was auch definitiv aufhören muss, sind Produkte, die richtiggehend plump-sexistisch sind, wie T-Shirt-Aufdrucke in der Kinderabteilung mit „Training to be Batman’s wife“ oder Lernmaterialien „für Jungs“/“für Mädchen“.

Unvergessen ein kleiner Junge (vielleicht 4 Jahre alt), der mit seiner Mutter im Bijou Brigitte war und beim gelangweilt herumstreunen einen rosafarbenen Haargummi hoch nahm und betrachtete. Sofort kam die Mama angestürmt, riss es ihm aus der Hand und sagte fast panisch „Das ist nix für dich, das ist für Mädchen!“

Kinder werden von der Gesellschaft schon genug in Rollen gedrängt und verunsichert, da sollten sie zuhause nicht auch noch Rollenbildern entsprechen müssen.

Ich wünsche hiermit allen Eltern, die das lesen, frohen Slalomlauf beim Geschenkekauf!

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2 Antworten zu “Gehirnwäsche in rosa und hellblau? Wie werden Kinder durch gegendertes Spielzeug beeinflusst?

  1. Ich bin mit zwei großen Brüdern aufgewachsen und hatte zum großen Teil männliche Bezugspersonen, weshalb vor allem mein Kleidungsstil im späteren Kindesalter (also ich sag mal ab 12 Jahren) eher maskulin geprägt war. Als kleines Kind hab ich aber sehr viel mit Barbie, Plüsch und Spielzeugtieren gespielt, wollte an Karneval am liebsten Prinzessin sein (und war ich auch meistens). Jetzt bin ich erwachsen und mag ganz typischen Mädchenkram, ohne, dass ich je dazu gedrängt wurde :D

    Ich möchte vorher betonen, dass das nur meine Meinung ist, die keinesfalls richtig sein muss. Ich glaube aber, dass heutzutage viel zu kritisch mit der Werbung umgegangen wird: als Kind nimmt man diese „Geschlechterrollen“ wahrscheinlich überhaupt nicht wahr. Meine Mutter ist Erzieherin und hat mir bestätigt, dass es eben so ist, dass die meisten Mädchen lieber rosa und Pferde mögen und die Jungs lieber mit Piraten und Rittern spielen. Solche Vorlieben werden wohl nicht dadurch entstanden sein, dass irgendwo „für Mädchen“ oder „für Jungs“ geworben wurde. Und die Werbeindustrie richtet sich nunmal an den Markt, der für sie profitabel ist, und ich glaube ein pinkes Prinzessinnenbad lässt sich besser verkaufen als ein gelbes. Nur als Beispiel: wären jetzt die Spielzeuge, die sich größtenteils an Mädchen richten nicht mehr in rosa, sondern in grün gehalten, wäre diese Ecke im Laden für viele kleine Mädchen wahrscheinlich nicht mehr so ansprechend, weil rosa eben präferiert wird.

    Das ist wie mit den Körpermaßen von Barbie, die häufig kritisiert werden. Kein Mädchen nimmt das überhaupt wahr, und wenn, dann ist es durch andere Faktoren bereits beeinflusst worden. Denn in dem Alter in dem ein Mädchen typischerweise mit Barbies spielt sollten Körpermaße noch gar keine Rolle spielen, genau so wie Geschlechterrollen. Es ist ein Fehler anzunehmen, dass Kinder Werbung genau so sehen und verstehen wie Erwachsene. Als Kind fand ich Barbie einfach „schön“, aber nicht weil sie so schlank ist, sondern einfach so. Deswegen finde ich auch wichtig was du sagst: Selbstzweifel kommen, gerade im Kindesalter, durch das soziale Umfeld, nicht durch die Puppen mit denen man spielt.

    Zum Schluss nochmal eine kleine Anekdote aus der Arbeit meiner Mama: dort war ein kleiner Junge, der sich im Kindergarten immer Kleider angezogen hat und Schals auf den Kopf gesetzt hat, die dann seine langen Haare waren. Er ist als kleine Prinzessin total aufgegangen und die Erzieher/innen haben das total akzeptiert, nur leider seine Eltern nicht, die ihm irgendwann verboten haben Prinzessin zu spielen, weil er ja ein Junge ist. DAS ist schlimm. Ich mache also der Werbeindustrie keinen Vorwurf, die wollen nur ihre Sachen verkaufen. Eltern sollten aber die Wünsche ihrer Kinder akzeptieren, und wenn das Mädchen im Siegerbad baden will oder der Junge ein pinkes Ü-Ei haben will sollten sie ohnen zu zögern ihren Kindern den Wunsch erfüllen.

  2. Ich hatte ein Rudel an Barbiepuppen (und zu wenige Kens) und dazu noch ein Rudel Stofftiere und anderen Kram. Aber erstens bekam ich entweder fast immer die brünette blau-violette Version der Puppe (soweit bei meiner Traumbarbie verfügbar) oder eine Steffi Love (die trugen Klamotten nicht nur in Rosa/Pink).
    Rosa fand ich schon als Kind doof und spätestens als Teenie war für mich rosa eine „Emofarbe“, während ich schon als Zehnjährige am Liebsten schwarz getragen habe.
    Und mit meinem Puppenrudel spielte ich am Liebsten Zombieapokalybse, Körpertausch, Puppen die „Klippe“ (mein Sofa) runterfallen lassen von ihren neidischen Stiefmüttern, Intrigen, Mord, verwandeln lassen in einen rosa Plüschdrachen und dann vom Ken fast getötet werden beim vermeindlichen Versuch die Jungfrau zu retten… ähm… Ich tat seltsame Dinge *g*.
    So hatte ich zwar in der Theorie Mädchenspielzeug, aber ich habe damit nicht sehr mädchenhaft gespielt. Haushalt versorgen und sowas fand ich langweilig. Wenn nicht mindestens zwei Puppen dabei draufgingen, war es kein gelungener Spieleabend… (kein Wunder, dass ich SoIaF mag *g*)
    Ich habe aber gern genäht, nicht weil das als Mädchentätigkeit verkauft wurde, sondern weil man früher nicht so viele Puppenklamotten kaufen konnte bzw. sie überteuert waren. Wenn ich also eine Hochzeit spielen wollte, bei der auf einmal Zombies die Braut entführten, brauchte ich ein Brautkleid. Das musste ich natürlich erstmal machen…
    Rosa finde ich bis heute doof, jetzt erst recht wegen des damit verbundenen Genderwahns. Auch wenn mir bewusst ist, dass Rosa an blonden Frauen vermutlich einfach eine wunderschöne Farbe ist. Aber hey, ich bin brünett, ich kann es eh nicht tragen… :-)

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