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„Du bist ungesund, wir wollen dich nur darauf hinweisen!“- glaubt ihr das eigentlich selbst?! Über Fat Shaming.

Danke, dass ich dick bin, weiß ich selbst.

Zu diesem Thema gibts schon genügend Posts von beiden Seiten, aber mich juckt es schon seit Monaten in den Fingern, endlich meinen Senf dazu abzugeben.

Ich bin dick. Schon seit ich ein Kind war. Genau festlegen kann ich das nicht, da sowas natürlich nicht über Nacht passiert.
Als Kind  habe mich nie gerne bewegt, habe bei Spaziergängen immer hinterhergetrottet, statt grölend voraus zu rennen und mich auch sonst nicht unbedingt um körperliche Aktivität bemüht, wenn es sich nicht gerade um Fahrrad- oder Cityrollerfahren handelte.
Daher habe ich nie meinen „Babyspeck“ verloren. Ich war als Kind nicht dick, nur eben gepolsterter und speckiger als andere.
(Dies könnte aber auch ein Hinweis darauf sein, dass ich einfach so gebaut bin, worauf ich mich nicht vollständig stützen will, da ich die Kommentare á la „Du redest dich nur raus!“ schon vorhersehen kann.)

Wenn ich mir Photos von früher anschaue, sehe ich ein normalgewichtiges Mädchen. Mein damaliges Selbstbild war aber ein anderes, denn ich wurde seit der 3./4. Klasse  unter Anderem für mein Gewicht gemobbt. Unvergessen war die spöttische Frage einer Mitschülerin, warum ich denn „immer nur diese eine Hose“ trüge. Sie gab sich selbst die Antwort dazu: „Ach ja, dir passen ja keine anderen Hosen!“.
Ich war 8, sie 9.
Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht über meine Figur nachgedacht. Das sollte eins auch nicht tun in diesem Alter, selbst bei Übergewicht sollte eins meiner Meinung nach nur gezeigt bekommen, was „gesund“ und „ungesund“ auf dem Teller ist und nicht „Du bist zu dick, mit dir ist etwas falsch“. Was das anrichtet, sehe ich selbst mit 21 noch.

Kurz drauf muss es gewesen sein, dass ich eine Freude am Kochen entwickelte und mir regelmäßig am Wochenende um 6 Uhr morgens Würstchen und Spiegeleier briet und das ganze mit einer Menge an Käse übergoss. Und mein gesamtes Taschengeld in Süßigkeiten steckte.
Ich kann nicht genau sagen, wann ich wie viel zugenommen habe, allerdings trug ich mit 9 Kleidung, die für 2-3 Jahre ältere Kinder gelabelt wurde (wer denkt sich eigentlich Altersangaben auf Kleidung aus?!)

Dann ging es richtig ab. Ich wurde ziemlich übel gemobbt, die 6. Klasse war der Höhepunkt und rückblickend nur eine einzige graue undurchsichtige Masse an Scheiße, die ich noch nicht aufdröseln konnte in ihrer Vollständigkeit. Mein 11. Geburtstag fällt in diesen Zeitraum und er ist der einzige meiner bisher 21 Geburtstage, an den ich keinerlei Erinnerung habe bis auf den 1.
Mitschüler liefen wankend, mit ihren Händen angedeutenden Bäuchen vor mir auf und ab, sangen beleidigende Lieder, nannten mich alle üblichen Beleidigungen im Bereich fat shaming und terrorisierten meine beiden Freundinnen einzig und allein dafür, dass sie mit mir befreundet waren. Ich habe mit beiden keinen Kontakt mehr, aber ich bin ihnen so wahnsinnig dankbar, dass sie sich damals in diesem jungen Alter nicht gegen mich gestellt haben, um es leichter zu haben, sondern mit mir gegen die Mobber kämpften! (<3)
Ich weiß nicht mehr, wie ich diese Jahre ausgehalten habe, ohne komplett den Verstand zu verlieren und mich noch halbwegs auf die Schule konzentrieren konnte.
Jeden Tag 5 Stunden beschimpft zu werden würde ich heute jedenfalls nicht ertragen.

In dieser Zeit habe ich erst richtig zugenommen.
Aus dem einfachen wie blöden Grund, dass ich mir dachte „ich bin eh schon fett und hässlich, da macht das doch nichts“ und um mich natürlich zu trösten durch leckeres Essen, was eine ganz eigene gefährliche Dynamik hat.
Erst mit 13/14 war ich erst wirklich als übergewichtig zu bezeichnen, einer Zeit, in dem das größte Mobbing bereits vorüber war und nur einzelne Mitschüler blöde Sprüche brachten und dafür von der Klasse nicht beklatscht sondern kritisiert wurden.
Trotzdem merkte ich überall, dass man mit Übergewicht beäugt und anders behandelt wird.
Ich war mit 13 einige Monate im Fitnessstudio angemeldet, um abzunehmen. Da man U16 nicht alleine an die Geräte durfte, war ich in einer Gruppe mit Gleichaltrigen, die von einem Trainer geleitet wurde. Dieser machte ständig süffisante Bemerkungen mir gegenüber. Warum ich denn so hecheln würde. Warum ich denn so rot im Gesicht sei. Ob ich denn ein Problem hätte. Es entstand eine ganz unangenehme Situation, in der die anderen Kinder/Teenies mit ihm auf einer Seite und ich, die einzige Dicke, auf der anderen stand. Fanden alle sehr witzig. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich nicht lange dort blieb und seitdem auch wenig Lust habe, noch einmal in ein Studio zu gehen.

Ich habe dann mit 16 fast 20kg abgenommen durch Zauberhand, jedenfalls habe ich nicht anders gegessen als bisher und war dazu zu dem Zeitpunkt schon ausgewachsen.
Plötzlich kam ich mit viel mehr Leuten klar, obwohl ich genauso awkward und eigenbrötlerisch war wie mein ganzes Leben schon. Aber es ging mir besser, weil ich akzeptiert wurde.
Ich konnte lange Zeit kein Selbstbewusstsein aus mir selbst erschaffen, da mir dieses jahrelang genommen wurde und durch Selbsthass ersetzt wurde und auch heute, Jahre danach, habe ich immer noch damit zu kämpfen, nicht auf Anerkennung Anderer angewiesen zu sein, sondern von innen heraus zu wissen, was ich kann und dass ich es wert bin, gut behandelt zu werden, auch von mir selbst.
Das heißt auch, dass ich es mir wert bin, gesünder zu essen, weil mein Körper, ob dick oder dünn, der einzige ist, den ich habe und der verdient es, mit guten Nährstoffen versorgt zu werden. Mein Körper ist keine Müllhalde, auf die ich alles werfen kann, weil es doch sowieso egal ist.

Worauf ich hinaus will: niemand nimmt ab, nur weil eins ihn*/sie* oft genug als fettes Schwein beschimpft hat, im Gegenteil. Wer ständig zu hören bekommt, er* sei fett, hässlich und solle sich am besten komplett in schwarz hüllen, wenn eins sich überhaupt auf die Straße traut, wird nicht unbedingt motiviert sein, Gewicht zu verlieren, sondern sich eventuell wie ich damals denken „ist doch eh egal, kann ich auch noch mehr essen“. Abgesehen davon, dass Mobbing zu psychischen Erkrankungen führen kann und dann hat eins erstmal wichtigere Probleme als Fettpolster.
Generell gibt es so viel Wichtigeres als Hüftspeck. Ja, starkes Übergewicht ist ungesund. Aber vielleicht hat die Person, die du gerade beschimpfst, bereits 50kg abgenommen und fühlt sich wohl? Vielleicht hat sie eine geliebte Person verloren und trauert? Vielleicht hat sie letzte Woche ein Kind entbunden? Vielleicht hat sie tatsächlich eine Erkrankung, die ihr Gewicht beeinflusst? Oder vielleicht  ist die Person verdammt glücklich gerade, weil sie befördert wurde, frisch verheiratet ist oder generell einfach zufrieden mit ihrem Leben ist?
Das alles sind Dinge, die wichtiger sind als das, was die Waage sagt. Und das alles weiß eins nicht durch die äußerliche Betrachtung von Menschen.

Ich habe jahrelang auch im Sommer lange Hosen getragen, weil ich nicht wollte, dass jemand meine Waden sieht. Indem ich jetzt kurze Röcke trage, will ich nicht das ästhetische Empfinden verletzen von jemandem, der auf dünne Frauen* steht. Ich beschimpfe schließlich auch keinen dünnen Mann* als Klappergerüst, nur weil ich einen Bauchansatz lieber mag. Oder beleidige Männer* mit Basecaps auf dem Kopf, nur weil ich diese furchtbar hässlich finde. Niemand läuft draußen herum, nur um anderen ein netter Anblick zu sein.
Indem ich mich in meinem Körper, so wie er ist, wohlfühle, propagiere ich keinen ungesunden Lebensstil. Ich ernähre mich im Übrigen recht gesund, was mir nur keiner glauben wird, der nur meinen Körper sieht.
Ungesund ist an mir mein Alkoholkonsum und dass ich Sport verabscheue. Das machen aber genügend Dünne und Normalgewichtige ebenso und werden nicht als „ungesund“ verteufelt und öffentlich angefeindet.
Es geht bei Anfeindungen nicht darum, meine Gesundheit anzuprangern oder mich zu einem gesünderen Lebensstil zu bewegen. Ich könnte einen riesigen grünen Smoothie trinken und jemand würde mir „Fette Kuh, immer am Essen!“ zurufen, während neben mir ein normalgewichtiger Mensch rauchend einen Big Mac verzehrt und dazu Bier trinkt.

Übergewichtige werden nicht beleidigt und diskriminiert, weil die Personen sie zum Abnehmen motivieren wollen. Sie werden beleidigt, weil sie „anders“ sind als die Mobber. Egal ob Gewicht, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Kleidungsstil, Form der Nase..alles, was auffällt und anders ist, wird als Anlass genommen, Leute auszugrenzen, um sich selbst in der eigenen Identität zu stärken und weil Menschen sehr schwer Andersartigkeit ertragen können. Nur, weil man an seinem Gewicht etwas ändern KANN, heißt das nicht, dass Mobbing deshalb gerechtfertigt ist, um zur Veränderung anzuregen.
Es geht einzig und allein um ästhethisches Empfinden und Vorurteile gegenüber Übergewichtigen.
Ich bin nicht naiv, dumm, fresse nur Fast Food und ich muss auch verfickt nochmal nicht dankbar dafür sein, wenn mir jemand ein Kompliment macht, „obwohl ich dick bin“! Ich erweise mich auch nicht als besonders dankbar, wenn sich jemand dazu herablässt, mit mir ins Bett gehen zu wollen, „obwohl ich dick bin“. Ich bin nicht leichter zu haben, „weil ich dick bin“. Sowas ist übrigens nicht nur slut shaming und beleidigt mich, sondern gleich alle mit, die wirklich auf mich stehen und stellt sie unter den Verdacht, verzweifelt und daher unkritisch zu sein, wenn sie sich mit mir „zufriedengeben“, „obwohl ich dick bin“!

Ich widerspreche mir auch nicht, wenn ich sage, dass ich gerne abnehmen möchte. Nur, weil ich nicht mehr hasse, was ich im Spiegel sehe und Kleidung trage, die ich schön finde, heißt das nicht, dass ich nicht ein paar Kilos verlieren möchte.
Es heißt nur, dass ich mich nicht permanent hasse. Und das ist eine verdammt gute Ausgangslage!

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