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Viele viele bunte Pillchen

Aus aktuellem Anlass möchte nun auch ich meinen Senf zur Frage abgeben, ob die Pille danach (im Folgenden PiDaNa) rezeptfrei abgegeben werden sollte.

Zuerst einmal möchte ich über meine eigene Erfahrung damit berichten.
Vor etwas mehr als zwei Jahren (ich war 18) hätte ich eigentlich eine PiDaNa gebrauchen können, da mir die wohl klassischste der Verhütungspannen passiert ist: das Kondom ist abgerutscht, was erst danach bemerkt wurde. Natürlich war die Verunsicherung groß, nahm ich damals nämlich keine Pille, sondern hatte mich voll auf das Kondom verlassen.
Dies hatte auch einen Grund: ich war zu dem Zeitpunkt Single und sah es nicht ein, jeden Tag Hormone einzunehmen, wenn ich doch ohnehin mit Kondom verhütete und auch nicht so aktiv war, dass sich das Risiko der Nebenwirkungen gelohnt hätte, auf sich zu nehmen.
Als also der Unfall passierte, verdrängte ich zunächst, was passiert war. Am nächsten Abend allerdings machte ich mir doch einige Gedanken und beschloss daher, am Morgen darauf zum ersten Mal zum Frauenarzt zu gehen und mir sicherheitshalber eine PiDaNa verschreiben zu lassen. Ich wollte schließlich nicht aus Scham eine ungewollte Schwangerschaft riskieren.
Daher begab ich mich etwa 38 Stunden danach, in Sorge, es sei bereits zu spät, mit zitternden Knien zum ersten Mal im Leben zum Frauenarzt. Ich versuchte, so leise wie möglich der Arzthelferin zu sagen, weshalb ich gekommen sei, aber diese ließ mich mein Anliegen zwei Mal wiederholen, weil sie es angeblich akustisch nicht verstanden hätte, bis ich dann vor einem Wartezimmer voller schwangerer Frauen, teilweise in Begleitung von Kindern, in erhöhter Lautstärke verkünden musste, dass ich die PiDaNa wolle.
Ich wurde nun darüber ausgefragt, wann und wie ‚es‘ denn passiert sei und warum ich denn nicht schon früher gekommen sei, am Tag vorher? Auf meine Aussage, ich hätte es verdrängt, erntete ich nur einen abschätzigen Gesichtsausdruck und bekam mitgeteilt, man könnte mich um 17 Uhr einschieben, vorher wäre leider schon alles ausgebucht. Mein Einwand, dass es dann ja noch länger her sei, wurde nur abgekanzelt mit „Sie hätten ja gestern schon kommen können!“.
Dies war mir so unangenehm, dass ich den Termin um 17 Uhr (dann wären es schon 46 Stunden gewesen) nicht wahrnahm und mir sagte, dass schon nichts passiert sei.
War es auch nicht. Zum Glück.

Man könnte mir an dieser Stelle natürlich vorwerfen, dass ich nicht wirklich schon am Tag vorher eine Praxis aufgesucht habe und auch, dass ich zum genannten Termin nicht erschienen bin.
Ich muss dazu noch erwähnen, dass ich damals schon fast panische Angst hatte, zu irgendeinem Arzt zu gehen und all mein Mut schon für den ersten Gang am Morgen aufgebraucht war.

Ich weiß aber nun spätestens seit ich einige andere Blogs gelesen habe, dass es wie mir noch vielen anderen Frauen ging beim Versuch, sich die PiDaNa verschreiben zu lassen.
Warum das so ist, darüber möchte ich nicht spekulieren.
Ich möchte nur so viel sagen, dass ich, zwar nicht von meinen Eltern, aber in der Schule und durch das Internet aufgeklärt wurde. Ich weiß, wie man schwanger wird und wie man dies verhindert. Ich wusste daher auch, welche Nebenwirkungen eine normale Pille haben kann, bevor ich je in Berührung damit kam und entschied mich dafür, nicht in meinen Hormonhaushalt einzugreifen, wenn es nicht zwingend notwendig war. Meiner Ansicht nach ist es, gerade in jungen Jahren, wenn sich der Hormonhaushalt noch einpendelt, ‚gesünder‘, immer ein Kondom zu verwenden und nur im Falle einer Panne wie der meinen auf die PiDaNa zurückzugreifen, da ein Kondom bei sachgemäßer Anwendung doch sehr sicher ist. Ich finde es zweifelhafter, eine 14jährige täglich Hormone einnehmen zu lassen, als nur einmal, im Ernstfall.

„Wie Smarties“ nähme keine Frau die PiDaNa, spätestens nach dem ersten Mal nicht mehr, wenn sie die, zugegebenermaßen wohl starken, Nebenwirkungen zu spüren bekäme (offen gesagt wohl auch nicht anders als heftige Zyklusschmerzen, die manche Frauen zusammengefasst 3 Monate pro Jahr ertragen). Außerdem wäre es ein sehr sehr teures Smartie (ich hörte von 17 und sogar 35€).

Rezeptfrei erhältlich sind viele Medikamente. Die ebenfalls Nebenwirkungen haben, sind sie ja eben auch Medikamente und keine Smarties. Ich nehme mein ASS ratiopharm allerdings nur, wenn ich Kopfschmerzen habe. Und mein Dolormin nur bei Bauchkrämpfen. Die PiDaNa würde ich dementsprechend auch nur bei einer Verhütungspanne nehmen.
Ich entschloss mich sogar mal, ein rezeptfrei erworbenes Mittel gegen Zahnschmerzen nicht zu nehmen, nachdem ich den Beipackzettel las. Rezeptfreie Nebenwirkungen sind eben nicht ohne!

In Apotheken arbeiten fähige, gut ausgebildete Menschen, die mich bisher immer gut beraten haben, egal ob bei Hautpflege, homöopathischen oder Mitteln der Schulmedizin. Daher bin ich mir sicher, dass auch bei der rezeptfreien Abgabe der PiDaNa genügend Informationen gegeben werden Teilweise nehmen sich ApothekerInnen sogar mehr Zeit als mein ehemaliger Frauenarzt für ein Gespräch. Als ich dann die Pille verschrieben bekam, wurde sie mir übrigens eher aufgeschwatzt: „Sie haben wahrscheinlich (!) Hormonschwankungen, ich verschreibe Ihnen mal diese Pille, deren Logo auf meiner Schreibtischunterlage und meinen Ordnern gedruckt ist, weil ich das Motiv so hübsch fand“ und meine spätere Beschwerde über Nebenwirkungen wurde abgetan mit „Das kann ja gar nicht sein, dass Sie die nicht vertragen, die ist so niedrig dosiert, laktosefrei und die verträgt jeder! Lassen Sie mal Ihren Magen untersuchen. Ich schreib Ihnen direkt das Rezept für die nächsten 3 Monate“. Aber das nur nebenbei zur ausführlichen und unabhängigen ärztlichen Beratung.

Mit der Möglichkeit, die PiDaNa rezeptfrei erwerben zu können, spart man sich zeitraubende (!) Umwege, vielleicht sogar einen stundenlangen Aufenthalt in der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses, wenn der Unfall am Wochenende oder am Feiertag passiert ist, spart den Ärzten und Pflegern in der Notaufnahme auch wertvolle Zeit, die sie mit Patienten verbringen könnten, die dringend schnell einen Arzt brauchen.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass man durch eine Erschwerung des Zugangs zur PiDaNa nicht die Nachfrage nach ihr ‚erzieherisch‘ verringert, nach dem Motto „War schön peinlich, oder? Pass nächstes Mal besser auf!“ oder „Was solls, wenn ich schwanger bin, bin ich es eben“. Wer eine Panne früh bemerkt und weiß, dass dies nicht der richtige Moment für ein Kind ist, dem sollte ermöglicht werden, durch eine relativ harmlose Methode, eine Schwangerschaft zu verhindern. Wer nämlich wirklich kein Kind haben möchte, dem bleibt sonst nur noch eine Abtreibung und die ist, da sind sich wohl alle einig, mit weit mehr Risiken verbunden als die PiDaNa. Ich möchte sogar so weit gehen, zu vermuten, dass durch einen einfacheren Zugang die Zahl der ungewollten Babies verringert werden könnte, die in Babyklappen abgegeben werden oder von ihrer hilf- und ratlosen Mutter vernachlässigt werden.
Besonders könnten dadurch auch ungewollte Teenagerschwangerschaften vermindert werden. Wer schnell genug schaltet, ist auf der sicheren Seite.

Ich wäre vor zwei Jahren auf jeden Fall ziemlich erleichtert gewesen, hätte ich nur in eine Apotheke gehen müssen, dann hätte ich die PiDaNa sicher genommen. Wäre wirklich etwas passiert, hätte ich nun ein anderthalbjähriges Kind und würde wohl nicht studieren. Für dieses Risiko trage ich nicht alleine die Schuld durch meine Feigheit.

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